Der Economist schreibt über die Zukunft und verharrt in der Vergangenheit

In einem Survey schreibt der Economist über die Zukunft der Print-Medien. Der mögliche Einfluss von Blogs, Wikis, Citizen Journalism etc. wird umfangreich in bewährter Economist-Schreibe und Denkweise erklärt. Nichts Neues für Experten, aber wie immer hervorragend für interessierte Leser, die sich in dem Thema nicht gut auskennen.

Aber was sieht man, wenn man sich den "Spaß" macht, die im Survey beschriebene Zukunft mit der derzeitigen Site des Economist zu vergleichen? Dieser Vergleich macht den Stand der meisten News-Sites und die Denkweise in immer noch zu vielen (Print-)Redaktionen deutlich.

Als langjähriger Economist-Abonnement habe ich den Bookmark zu economist.com weit oben in meiner Bookmark-Liste platziert - und gehe fast nie auf die Site. Des Economists eigenes Survey hat mir jetzt aufgezeigt warum:

Die Site ist von extrem defensiver "Schütze meine Print-Umsätze"-Denke geprägt. Interaktion ist Mangelware.

Die "Lowlights":

- Bereits auf der Homepage springen einem die roten Hinweise auf Paid Content ins Auge. So sind zum derzeitigen Zeitpunkt die ersten sechs Artikel nur für Abonnenten zugänglich. Der Hinweis zur Online-Version des Surveys verspricht kostenfreien Zugang, nur um dann klar zu machen, dass gut die Hälfte der Artikel nur für Abonnenten zur Verfügung steht.

- Auf eine Interaktion mit Usern wird fast gänzlich verzichtet. Kommentierung der Artikel, Blogs, Wikis, Foren - alles Fehlanzeige. Nur einen unscheinbaren Link zu den veröffentlichten Leserbriefen der Print-Ausgabe gibt es.

Ich will hier keine detaillierte Analyse der Site durchführen. Aber dass eine Zeitschrift wie der Economist mit seiner Leserschaft (groß, gut gebildet, Internet-affin) keine Schritte in Richtung einer aktiven Einbeziehung seiner Leser macht, erscheint doch sehr rückständig. Denn irgendwo werden sich diese Leser engagieren. In Foren, Blogs, Wikis, etc. - nur eben nicht auf der Site economist.com. Leserbindung im Zeitalter des Web 2.0 sieht anders aus.

Nur gut, dass der neue Editor in Chief dieses erkannt zu haben scheint. In einem Guardian-Interview anlässlich seiner Ernennung sprach er vom Hurrikan, der sich auf die klassische Medienindustrie zu bewegt. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Mal sehen, welche Taten er folgen lässt.

Kommentare

's trackbackt nicht, darum manuell: «Wie Matthias Kretschmer zu Recht anmerkt, hat man bei economist.com das eigene Dossier leider noch nicht so ganz verstanden: Sechs von acht Artikeln zum Thema sind erst nach Bezahlung oder für Abonnenten zu lesen, Leserkommentare und ähnliche Herablassungen nicht vorgesehen.»

26.04.06 23:59

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